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AK EUROPA: Rentenperspektiven – Deutschland und Österreich im Vergleich

Welche Form der Absicherung kann im Alter nachhaltig den Lebensstandard erhalten? Wie kommt es, dass PensionistInnen in Österreich eine deutlich höhere gesetzliche Pension beziehen als ihre AltersgenossInnen in Deutschland? Und welche Schlüsse können daraus für die Debatte auf europäischer Ebene gezogen werden? Mit diesen und anderen Fragen rund um die Pension beschäftigte sich eine von AK EUROPA, ÖGB und DGB organisierte Diskussionsveranstaltung am 27. Juni.

Trotz einer ähnlichen Ausgangslage in Bezug auf ihre Alterssicherungssysteme haben sich Deutschland und Österreich in den vergangenen Jahrzehnten in unterschiedliche Richtungen bewegt. Während in Österreich der Lebensstandard im Alter weiterhin fast ausschließlich durch die gesetzliche Pensionsversicherung gedeckt wird, wurde in Deutschland vom primären Ziel der Lebensstandardsicherung durch die gesetzliche Pension abgerückt und die so genannte erste Säule durch eine freiwillige betriebliche (zweite Säule) und eine private Vorsorge (dritte Säule) ergänzt.

Josef Wöss, Pensionsexperte der AK und Leiter der Abteilung für Sozialpolitik, zeigte anhand der Ergebnisse einer vergleichenden Studie eindrücklich auf, dass ein durchschnittlicher Pensionist in Österreich eine weitaus höhere gesetzliche Pension bezieht, als ein Rentner mit vergleichbarer Erwerbsbiografie in Deutschland. Monatlich hat ersterer knapp 1.820 €[i] zur Verfügung, während sich ein Rentner in Deutschland mit 1.050 € zufrieden geben muss. Für Frauen fällt der Unterscheid ähnlich aus, wobei das Pensionsniveau insgesamt niedriger ist, was nicht zuletzt auf die noch immer nicht gleiche Entlohnung für Frauen und eine durch Pflege von Angehörigen unterbrochene Erwerbsbiografie zurückzuführen ist.

Im Anschluss wurde unter Moderation von Verena Schmitt-Roschmann, Leiterin des Büros der deutschen Presse-Agentur in Brüssel, auf dem Podium sowie mit dem Publikum intensiv diskutiert. Markus Hofmann, Abteilungsleiter für Sozialpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), konstatierte, dass Deutschland mit seinen Reformen Anfang der 2000er Jahre den grundsätzlichen Erfolgspfad für die Alterssicherung verlassen habe. Das Drei-Säulen-Modell aus gesetzlicher, kapitalgedeckter betrieblicher sowie privater Vorsorge funktioniere nicht. Statt Kürzungen in der gesetzlichen Pensionsversicherung durch betriebliche und private Vorsorge auszugleichen oder gar die Ersatzraten im Verhältnis zum Erwerbseinkommen zu erhöhen – wie vor den Reformen suggeriert – wurde das Leistungsniveau insgesamt gekürzt und das Risiko der Altersarmut deutlich erhöht – besonders für alleinstehende und alleinerziehende Frauen.

Fritz von Nordheim, stellvertretender Leiter der Abteilung Modernisierung der Sozialschutzsysteme (DG EMPL), bewertete die Situation hingegen etwas anders: Ein Mehrsäulensystem sei generell der richtige Weg. Das Problem in Deutschland liege vielmehr in der „halbherzigen Umsetzung“ der Reformen, allen voran der fehlenden Regulierung der Anbietenden kapitalgedeckter Vorsorge. Erfolgreiche Beispiele betrieblicher Vorsorge zeigten, dass diese vor allem dann wirksam seien, wenn sie verpflichtend oder teilweise verpflichtend sind. In Deutschland hingegen bleibt die Vorsorge durch die zweite und dritte Säule freiwillig. Jeder und jedem bleibt es somit selbst überlassen, ob und in welchem Umfang neben der gesetzlichen Pension eine Vorsorge fürs Alter getroffen wird. Personen mit niedrigen Erwerbseinkommen, die eigentlich besonders von einer Aufstockung einer geringen gesetzlichen Pension durch betriebliche oder private Vorsorge profitieren könnten, bleibe jedoch der Zugang aufgrund fehlender finanzieller Mittel meist verwehrt, wie Markus Hofmann das Bild ergänzte. Ziel der Pensionskampagne des DGB sei es daher, für alle eine Pension zu garantieren, die ein gutes Leben im Alter ermögliche und Altersarmut vermeide. Ein Problem, das nicht zuletzt durch eine kürzlich veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung erneut Aufmerksamkeit erfährt.

Josef Wöss ergänzte in seinem Schluss-Statement, dass der Ausbau des gesetzlichen Pensionssystems zu einer Erwerbstätigenversicherung, die auch Selbstständige umfasst und die Pensionsbedingungen für Beamte schrittweise an diese angleicht, sich in Österreich auch wirtschaftlich bewährt habe. Eine wirkliche Kosteneinsparung gäbe es durch den Ausbau der zweiten und dritten Säule kaum. Zwar sei dieser nicht grundsätzlich abzulehnen, allerdings komme es auf die Ausgestaltung der betrieblichen und privaten Vorsorge an: Sie solle allen voran ergänzend, nicht jedoch ersetzend wirken.

Auch wenn Fritz von Nordheim eine einseitige Forcierung der Europäischen Kommission auf den Ausbau privater und betrieblicher Alterssicherung relativierte, soll noch diese Woche ein Kommissionsvorschlag über ein europaweites individuelles kapitalgedecktes Pensionsprodukt (Pan-European Personal Pension Product, PEPP) veröffentlicht werden, der eindeutig auf eine Stärkung der dritten Säule und damit der individuellen privaten Vorsorge abzielt.

[i] Zwecks Vergleichbarkeit Umrechnung auf 12 Monate. Normalerweise finden die Pensionszahlung in Österreich 14-mal im Jahr in der Höhe von 1.560 € statt. Werte jeweils für Deutschland und Österreich für das Jahr 2013.

Weiterführende Informationen:

Studie Alterssicherung in Deutschland und Österreich: Vom Nachbarn lernen?

Gender Pension Gap – ungleiche Entlohnung macht auch vor Pensionen nicht Halt

Falter-Beilage: Gut gegen Angst vor dem Alter

Fotos der Veranstaltung


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Julie de Bellaing
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